Warum Worte den Unterschied machen
Ein fünfjähriges Kind wirft im Supermarkt ein Glas Marmelade zu Boden. Das Glas zerbricht, klebrige rote Masse verteilt sich auf den weißen Fliesen. Mutter oder Vater, gestresst vom Tag, spürt, wie die Hitze aufsteigt und der Geduldsfaden reißt. Es platzt aus ihnen heraus: „Sag mal, kannst du nicht aufpassen? Musst du immer so tollpatschig sein? Mit dir kann man einfach nicht einkaufen gehen!“
Auf den ersten Blick wirkt diese Szene bekannt, ein „Ausrutscher“ im Erziehungsalltag. Doch wer mit dem Skalpell der Kommunikationspsychologie genauer hinschaut, erkennt ein Muster, das in Millionen Haushalten und Bildungseinrichtungen täglich abläuft: das Muster des Automatismus. Und genau bei dieser Art von sprachlichem Automatismus beginnt ein mentales - und gesellschaftliches Problem.
Von Jacqueline Koeppen

In dieser Szene passiert etwas, das wir im Alltag leicht übersehen: Nicht der Fleck ist das Problem.
Das Problem ist die Botschaft, die im Kind ankommt. Denn Kinder hören nicht nur Worte, sie hören Bedeutung.
Und in Stressmomenten senden Erwachsene oft unbewusst drei Signale gleichzeitig:
1. Bewertung der Person („tollpatschig“, „mit dir kann man nicht…“)
2. Entzug von Zugehörigkeit („du bist anstrengend“, „du bist falsch“)
3. Unsicherheit im Kontakt (Ton, Tempo, Scham)
Das ist der Kern: Automatismen sind selten neutral. Sie werden vom Kind als Beziehungsbotschaft gespeichert – und zwar schneller als jedes klärende Gespräch im Nachgang.
Kinder orientieren sich über Sprache an drei Grundfragen:
- Bin ich sicher? (Darf ich Fehler machen, ohne Beziehung zu verlieren?)
- Bin ich gut genug? (Bin ich okay, auch wenn etwas schiefgeht?)
- Kann ich das lernen? (Gibt es einen Weg – oder nur Schuld?)
Wenn wir in Stressmomenten beschämen, lernt das Kind nicht „besser aufpassen“. Es lernt: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Und diese Botschaft ist einer der leisesten, aber stärksten Treiber für spätere innere Instabilität.
Viele glauben: Wenn ich nicht schimpfe, setze ich keine Grenzen. Das Gegenteil ist oft der Fall. Stärkende Sprache ist:
- klar: Orientierung, Grenze, nächster Schritt
- verbunden: Kontakt bleibt, Würde bleibt
- konkret: Was jetzt? Wie reparieren wir es?
Stärkende Sprache vermeidet Konflikte nicht. Sie führt durch sie, ohne den Wert des Gegenübers zu beschädigen.
Wenn du nur eine Struktur für deine Sprache mit deinem Kind mitnimmst, empfehle ich dir diese: Kontakt – Grenze – nächster Schritt
1) Kontakt: „Ich sehe, was passiert ist.“
2) Grenze/Orientierung: „Stopp / so nicht / ich übernehme jetzt.“
3) Nächster Schritt: „Wir lösen das so: …“
Dieser Dreiklang wirkt, weil er das Nervensystem beruhigt: Erst Verbindung, dann Führung, dann Lösung.
Version A (Automatismus)
„Kannst du nicht aufpassen? Musst du immer so tollpatschig sein? …“
Die unbewusste Botschaft: „Du bist falsch."
Version B (stärkend, klar, alltagstauglich)
„Das Glas ist runtergefallen. Ich sehe, du hast dich erschreckt. Ich bin da. Wir räumen das jetzt gemeinsam auf. Und gleich halten wir das Glas mit zwei Händen.“
Die unbewusste Botschaft: „Du bist sicher. Fehler passieren. Du kannst lernen."
Merke: Stärkende Sprache ist keine Schönwetter-Sprache. Sie ist Stress-Sprache, die Beziehung hält.
Nie: „Du bist …“
Stattdessen: „Das war … / So wie du gerade … / Ich lasse nicht zu, dass …“
Beispiele:
Statt „Du bist so unvorsichtig.“ → „Das Glas ist runtergefallen. Jetzt stoppen wir.“
Statt „Du bist frech.“ → „So wie du gerade sprichst, verletzt es. Stopp.“
Warum das wirkt: Du greifst nicht die Person oder ihre Identität an, sondern führst Verhalten.
Wähle beobachtende Worte statt zu bewerten: „Das ist passiert.“, „Das Glas ist kaputt.“, „Du bist wütend.“, „Du willst nicht gehen.“
Das klingt simpel, ist aber hochwirksam: Es nimmt Drama raus, ohne Gefühle wegzudrücken.
Zwischen Reiz (Marmelade) und Reaktion (Vorwurf) liegt ein winziger Moment – und darin steckt Führung.
Das ist der Shift: weg von „Funktioniere!“ hin zu „Ich zeige dir, wie es geht.“
Viele Grenzen eskalieren, weil sie mit Scham aufgeladen sind. Verwende Grenzsatz mit Würde:
„Stopp. Ich lasse nicht zu, dass … Ich helfe dir, es zu schaffen.“
„Stopp. Ich lasse nicht zu, dass du haust. Ich halte deine Hände.“
„Stopp. Ich lasse nicht zu, dass du mich anschreist. Versuch es nochmal leiser.“
Der stärkste Satz in vielen Familien und Teams: „Du darfst … und du darfst nicht …“
„Du darfst wütend sein. Und du darfst nicht hauen.“
„Du darfst enttäuscht sein. Und trotzdem gehen wir jetzt.“
Das ist Führung mit bewusster Sprache: Innenraum erlauben, Außenrahmen halten.
Außerdem: Verwende und statt aber! Denn ein „und“ verbindet, ein „aber“ negiert, was vorher gesagt wurde.
Uns Eltern werden immer wieder Sätze rausrutschen, die wir hinterher bereuen. Die gute Nachricht: Perfektion ist niemals das Ziel, sondern Bedauern und Reparieren. Drei Reparatursätze, die Beziehung sofort wieder stabilisieren:
„Vorhin war ich zu hart. Das tut mir leid.“
„Ich probiere es nochmal. Hörst du mir kurz zu?“
„Du bist genau richtig, so wie du bist. Der Moment war für mich zu viel.“
Kinder lernen daraus: Beziehung hält. Fehler sind reparierbar. Ich bin sicher. Ich bin richtig.
Wir müssen als Erwachsene nicht fehlerlos oder perfekt sein. Es geht darum, Verantwortung für die Wirkung unserer Worte zu übernehmen. Ein Satz, der sofort entlastet: „Es tut mir leid, ich war gerade gestresst. Das hatte nichts mit dir zu tun.“
Hier sind Sätze, die du heute testen kannst – zu Hause, in Kita oder Schule:
Wenn ein Kind weint
„Für dich ist das gerade schlimm. Ich bin da.“
„Nimm dir Zeit. Atme erstmal.“
Wenn ein Kind nicht hört / „abschaltet“
„Stopp. Ich brauche deine Aufmerksamkeit. Schau mich kurz an.“
„Ich sage es einmal klar. Dann helfe ich dir, es zu schaffen.“
Wenn ein Kind „Nein!“ schreit
„Du willst gerade bestimmen. Verstehe ich. Und trotzdem entscheide ich das, weil ich deine Mama / dein Papa bin.“
„Du darfst Nein sagen. Und wir gehen trotzdem.“
Wenn ein Kind provoziert / testet
„Ich merke, du testest Grenzen. Ich bleibe klar.“
„Du willst gerade Wirkung. Ich gebe dir Kontakt – aber nicht über Verletzen.“
Wenn ein Kind etwas kaputt macht
„Das ist passiert. Jetzt kümmern wir uns darum.“
„Es ist okay, das passiert. Wir lösen das. Und nächstes Mal machen wir das anders.“
Nimm einen Satz, der dir manchmal rausrutscht (z. B. „Jetzt stell dich nicht so an“). Verwandle ihn mit dieser Schablone:
1) Beobachtung (ohne Urteil)
„Ich sehe, du …“
2) Gefühl/Bedürfnis (deins oder das Kind)
„Das ist gerade viel / ich brauche …“
3) Führung (konkret)
„Wir machen jetzt …“
Beispiel: „Ich sehe, du bist überfordert. Das ist viel gerade. Wir machen jetzt eine Pause und dann gehen wir weiter.“
Das ist bewusste Sprache, mit der du Orientierung gibst, Verantwortung und Führung trägst und dein Kind langfristig innerlich stärkst.
- weniger Eskalation
- mehr Kooperation
- klarere Grenzen ohne Machtkampf
- schnellere Beruhigung nach Konflikten
- mehr innere Ruhe bei Erwachsenen
- stabileres Selbstwertgefühl
- mehr Kommunikations- und Konfliktstärke
- stärkere Beziehungsfähigkeit
- mehr innere Sicherheit und Resilienz
- bessere Lern- und Entwicklungsvoraussetzungen
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